Oliver Kahn im Interview

Der Titan spielt global

Von ON in Service am 29.05.2018

Wenn am 14. Juni allerorten das Fußballfieber ausbricht, wird sich der heute 48-jährige ZDF-Experte mit dem ihm eigenen Humor aus der Sendezentrale in Baden-Baden melden, um die Spiele in Russland zu analysieren. Wir sprachen mit ihm über Grenzüberschreitungen, Erfolg und die Schattenseiten des Sports.

Er ist einer der größten Torhüter aller Zeiten und holte mit Bayern München acht Meistertitel: Oliver Kahn. Wenn am 14. Juni allerorten das Fußballfieber ausbricht, wird sich der heute 48-jährige ZDF-Experte mit dem ihm eigenen Humor aus der Sendezentrale in Baden-Baden melden, um die Spiele in Russland zu analysieren. Wir sprachen mit ihm über Grenzüberschreitungen, Erfolg und die Schattenseiten des Sports.
 
Herr Kahn, was überwiegt bei Ihnen im Moment: die Faszination für den Ballsport oder der Ärger über Doping im Fußball und korrupte Verbände?
 
Mich interessieren grundsätzlich alle Entwicklungen im Sport. Ich war schon immer ein Freund davon, alles zu diskutieren und anzusprechen, wenn der richtige Zeitpunkt dafür gekommen ist.
 
Wie bereiten Sie sich auf die umstrittene WM in Russland vor?
 
Ich kann mich nicht daran erinnern, dass irgendeine WM unumstritten war. Egal, wo Weltmeisterschaften stattfanden, es gab immer irgendwelche Gründe, warum jetzt diese WM in diesem Land gerade ganz besonders problematisch ist. Das ist in Russland nicht anders. Es wird auch in vier Jahren in Katar nicht anders sein. Es ist wichtig, dass sich mit den Problemen in den jeweiligen Ländern auseinanderzusetzen. 

Kann eine so große Sportveranstaltung wie eine Fußball-WM in einem autoritären Land etwas zum Positiven verändern?
 
Fußball kann auf bestimmte Themen aufmerksam machen. Das setzt jedoch voraus, dass die handelnden Akteure auch dazu bereit sind. Dass sie sich nicht zurückziehen auf den überstrapazierten Standpunkt: Fußball sollte man nicht mit Politik vermischen. Wieso eigentlich nicht? Fußball ist immer auch Politik. Jeder, der unten auf dem Platz steht, hat eine politische Ansicht oder eine Meinung zu bestimmten Ereignissen, die er durchaus äußern sollte.
 
Können die Schattenseiten des Sports Ihren Elan nicht bremsen?
 
Das hat nichts mit Elan zu tun. Ich war immer dafür, gerade in schwierige Länder zu fahren und die Möglichkeit zu nutzen, bestimmte Probleme im jeweiligen Land anzusprechen. Die Geschichte zeigt, dass ein Boykott noch nie irgendetwas zum Positiven gewendet hat.
 
Freuen Sie sich eigentlich auf die Spiele der russischen Mannschaft?
 
Ich bin gespannt, auf welchem Leistungsniveau sie sich bewegen. Die Russen haben in den letzten Jahren alles andere als guten Fußball gezeigt. Sie haben wenig Spieler herausgebracht, die im internationalen Fußball auf sich aufmerksam machen konnten.
 
Wie erklären Sie sich das? Die WM in Russland ist doch die teuerste aller Zeiten.
 
Ich kenne mich nicht mit der Struktur des Fußballs in Russland aus. Ich weiß nur, dass es Zeiten gab, da sind wir ungern nach Russland gefahren, weil die Russen Top-Mannschaften hatten. Ich erinnere mich, wie wir 2008 mit Bayern München in der Euro-League relativ chancenlos in St. Petersburg ausgeschieden sind.
 
Ist der Erfolg einer Mannschaft planbar?
 
Bis zu einem gewissen Grad auf jeden Fall. Das sieht man auch bei der deutschen Fußballnationalmannschaft. Da werden generalstabsmäßig Europa- und Weltmeisterschaften durchgeplant, und nichts wird dem Zufall überlassen. Das fängt bei der Quartierauswahl und der Trainingssteuerung an. Es geht mit der Spiel- und Taktikanalyse des Gegners weiter.
 
Nur wie weit funktioniert das?
 
Fußball ist immer noch ein Spiel. Und bei einem Spiel ist immer der Zufall dabei. In den K.O.-Spielen passieren oft Dinge, mit denen trotz aller Planbarkeit keiner rechnen kann. Sei es eine Rote Karte, ein individueller Fehler, sei es ein Ball, der an den Innenposten geht und von dort raus oder eben rein. Den Zufall kann man nicht wegplanen.
 
In Ihrer Zeit als Profifußballer wollten Sie regelmäßig Ihre Grenzen überschreiten. Wo kriegen Sie Ihre Kicks heute her?
 
Seine Grenzen immer mal wieder zu überschreiten ist die Herausforderung eines jeden Hochleistungssportlers. Wo ist meine Grenze und kann ich darüber hinaus gehen? Ich brauche das heute nicht mehr. Als ich meine Karriere beendet habe, war das noch ein paar Jahre schwierig. Aber ich mache heute ganz andere Dinge. Heute ziehe ich meine Befriedigung nicht mehr aus dem Adrenalinkick, sondern aus geschäftlichen Erfolgen und aus der Arbeit mit Menschen. Es sind heute nicht mehr die großen Glücksmomente auf dem Platz, sondern viele kleinere Glücksmomente.

Interview: Olaf Neumann




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