Interview: Jürgen Domian

Das Geheimnis der Stille

Von ON in Service am 01.01.2018

Über 20 Jahre lang redete Domian im Radio mit Menschen über ihre Geheimnisse. Nun geht der Telefon-Talker auf eine ungewöhnliche Lesereise.

Über 20 Jahre lang redete er im Radio mit Menschen über ihre intimsten Geheimnisse. Nun geht der Telefon-Talker Jürgen Domian auf eine ungewöhnliche Lesereise. Im Mittelpunkt steht der neue Roman »Dämonen«, der sich um Domians Lebensthemen Stille und Tod dreht. Die Zuhörer sollen auch Gelegenheit bekommen, mit ihm zu reden - über persönliche Krisen, schwere Sünden oder die Abgründe der menschlichen Seele. 

Kommen in deinem Buch jetzt die eigenen Dämonen zum Vorschein?
 
Ich habe mich auch Zeit meines Lebens mit meinen eigenen Dämonen beschäftigt. In das Buch fließen die eigenen Erfahrungen ebenso ein, wie die vielen Berichte meiner Gesprächspartner aus der Sendung Domian.
 
Kann man seinen Dämonen überhaupt entfliehen, indem man wie dein Held die Zivilisation verlässt?
 
Nein, entfliehen kann man den Dämonen dort eben nicht. Im Gegenteil: Erst in der Stille und Abgeschiedenheit kann man sich ihnen wirklich stellen und den Kampf aufnehmen. Das Bild des Dämonenkampfes in der Stille ist uralt. Jesus geht in die Wüste und Satan versucht ihn zu verführen.
 
Was bedeutet Stille für dich? Machst du noch Schweige–Retreats?
 
Ja, ich gehe jedes Jahr nach Nordskandinavien, in die Einsamkeit, in die Stille. Wir leben in einer furchtbar lauten Zeit. Davor fliehe ich. Die Stille ist der Schlüssel zu allen Geheimnissen.
 
Dein Protagonist will sich in Lappland nackt in den Schnee legen und sterben. Welche Gründe hat er für seinen Todeswunsch, wenn er nicht depressiv ist?
 
Er ist des Lebens satt. Ihn reizt und interessiert gar nichts mehr. »Ich habe ausgelebt«, könnte er sagen. Dabei ist er mit sich im Reinen. Er stellt sich die Frage: Muss man leben, nur weil man lebt? Und verneint diese Frage.
 
Wovon soll ihn der Tod befreien?
 
Von der Langeweile, von der ewigen Wiederholung der Lebensabläufe, vom, wie er es sieht, sinnlosen Streben und sich Bemühen. Er will frei sein von der Last des Lebens.
 
Haltest du mit dem Schreiben deine eigenen Dämonen in Schach?
 
Schreiben ist immer auch ein Versuch der Lebensbewältigung. Man formuliert Dinge aus und befreit sich so von ihnen. Das kennt jeder Tagebuchschreiber. Nur schaffe ich es nicht allein mit Schreiben, meine Dämonen zu bändigen. Dazu gehören noch andere Anstrengungen.
 
Was ist das Wichtigste im Umgang mit den eigenen Dämonen?
 
Sie zunächst klar zu sehen. Dann muss man ihnen entgegentreten – und eben kämpfen. Und selbst dann, wenn eine Schlacht zehn Mal verloren gegangen ist, muss man sich aufraffen für den 11. Kampf. Überall lauert die Versuchung, Verführung, Verblendung. Aber jeder Tag ist ein kleines neues Leben. Das ist tröstlich. Man kann immer wieder neu beginnen.
 
Sind in das Buch auch Erfahrungen aus deiner Talk-Zeit mit eingeflossen? Welche genau?
 
Mit Sicherheit, ja! Im Detail kann ich es gar nicht so sagen. Ich wurde immer wieder mit den grundlegenden Fragen des Lebens in meiner Sendung konfrontiert. Und viele Anrufer haben mir bewegende Geschichten erzählt, wie sie zu einem stimmigen Leben gekommen sind. Zudem hatte ich einige Talk-Gäste, die genau wie mein Protagonist Hansen des Lebens satt waren, unter keiner Erkrankung litten und dennoch sterben wollten.
 
Du hast dich in einem anderen Buch bereits ausführlich mit dem Thema Tod auseinandergesetzt. Hat der Tod einen Sinn?
 
Ja, das irdische Leben zu beenden. Der Tod ist das größte Geheimnis unserer Existenz. Und zugleich die größte Erschütterung. Aber unser Leben ist auch nicht denkbar ohne den Tod. Sollte es einen übergeordneten Sinn geben, so übersteigt dieser die menschliche Vorstellungskraft. Wir sollten uns nicht bemühen, dafür Begrifflichkeiten zu suchen. Der Philosoph Ludwig Wittgenstein sagt: Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.
 
Der Tod ist radikal. Versuchst Du deswegen auch für ein glückliches Leben radikal zu sein?
 
Ich strebe kein glückliches Leben an. Glück ist wie ein Feuerwerk: Schön, beeindruckend – und schnell wieder vergangen. Mein Ziel ist ein stimmiges Leben. Ja, und dafür braucht man, so glaube ich, klare Grundsätze und Leitlinien.
 
Worum geht es eigentlich im Leben?
 
Ich kann es nur für mich beantworten. Wenn man niemandem schadet, ist schon viel gewonnen. Geht man zudem in Demut und mit Rückgrat durchs Leben, ist sicher viel erreicht.
 
Hat deine Beschäftigung mit dem Tod auch etwas mit dem Älterwerden zu tun?
 
Ja, je älter man wird, desto greifbarer ist der Tod. Aber im Grunde habe ich mich mein ganzes Leben mit dem Tod beschäftigt. Schon als Jugendlicher.
 
Ziele, Erfolg, Familie, Abenteuer, etwas Aufbauen … hätte das alles nur dann Sinn, wenn wir unsterblich wären?
 
Vielleicht hat es nur Sinn, weil wir sterblich sind. Weil wir die uns gegebene Zeit optimal nutzen möchten. Unsterblichkeit könnte Stillstand, unendliche Langeweile und Ödnis bedeuten.
 
Deine Lesungen sollen interaktiv werden. Auf welche Weise willst du mit dem Publikum ins Gespräch kommen?
 
Mitten in der Veranstaltung gibt es einen großen Publikumsblock. Ich weiß überhaupt nicht, was auf mich zukommt. Sehr spannend. Das Publikum soll der Star sein. Die Leute können sprechen, fragen, agieren, was auch immer. Ich lasse mich überraschen.
 
Wie sehr nimmst du jetzt am Leben am Tag teil, vermisst du die Nacht und ihre Qualität?
 
Ich vermisse die intensiven nächtlichen Gespräche mit meinen Anrufern, die vielen Kontakte mit so unterschiedlichen Menschen. Aber ich genieße es sehr, wieder am Tage leben zu können. Fast 22 Jahre Nachtarbeiten waren genug.

Interview: Olaf Neumann
31.01.2018 - Lichtburg Essen
 

 



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