Interview mit Helge Schneider

Ordnung muss sein! – Helge Schneider

Von ON in Entertainment am 26.12.2018

Die aktuelle Hallentour des philosophierenden Musikclowns steht unter dem Motto »Ordnung muss sein!« – und für die kommende Open-Air-Saison plant Helge Schneider »Pflaumenmus – die Tournee zum Mus«.

Gaga-Songs wie »Katzeklo« und »Es gibt Reis, Baby« machten Helge Schneider zu einem der beliebtesten Komiker der Deutschen. Der 63-jährige Mülheimer wurde u.a. mit dem Paul-Lincke-Ring für seine besonderen Verdienste um die deutschsprachige Unterhaltungsmusik ausgezeichnet. Die aktuelle Hallentour des philosophierenden Musikclowns steht unter dem Motto »Ordnung muss sein!« – und für die kommende Open-Air-Saison plant Schneider »Pflaumenmus – die Tournee zum Mus«. Wir trafen Helge im vorbildlich aufgeräumten Wohnzimmer.

Hallo Helge, du gehst wieder auf Tour und verlangst: »Ordnung muss sein!«. Steckt in deinen fantastischen Geschichten eigentlich ein Kern von Wahrheit?

Meine Geschichten stimmen. Sie wirken so überzogen, dass man sie nicht glaubt, aber die Grenze zur Realität wird von mir eher unterschritten. Zum Beispiel könnte die Geschichte, in der ich mit Reinhold Messner durch die Antarktis ziehe, wirklich passiert sein - aber nicht in dieser überhöhten Form. Als Musiker und Erzähler ist man auch Dichter. Für mich ist die Dichtung eine große Angelegenheit, weil sie mit wenig Worten Gefühle ausdrückt. Ein Romanschriftsteller braucht dafür viele, viele Seiten.

Bist du sehr selbstkritisch?

Ja. Meine Texte kommen mir manchmal sehr hanebüchen vor. Aber wenn ich sie dann aus einer anderen Warte betrachte, bin ich von den Socken. Alles, was ich singe und erzähle, habe ich dem Leben abgeguckt. Das könnte ich gar nicht erfinden. Wie zum Beispiel die Geschichte vom Schönheitschirurgen, der in seiner Garage praktiziert und eigentlich Klempner ist. Da kommen alle hin, bloß weil da ein Emailleschild steht: »Schönheitschirurg. Alle Kassen«. So ist ja unser Leben, es wird unheimlich viel mit Etiketten geschummelt. Solche Geschichten sind nicht abwegig. 

Bringst du auch neue Songs mit auf Tour?

Ja. Zum Beispiel einen einfachen Blues. Das Lied heißt »Hey Baby«. Ich habe lange überlegt, ob ich es auch auf der neuen Doppel-LP platzieren werde, die demnächst rauskommen soll. Ich produziere alles selbst. Alles. Mikrofone aufstellen. Kabel verlegen. Mischen. Aufnehmen. Erfinden. Texte schreiben. 

Wie fruchtbar ist die Zusammenarbeit mit dem renommierten Bluesgitarristen Henrik Freischlader, der du bei deinen Konzerten neuerdings begleitet?

Wir haben schon ein paar Songs zusammen aufgenommen. Soulige Groove-Musik, wie man sie manchmal im Radio hört. Wir haben uns irgendwann kennengelernt und ich dachte, ich nehme ihn einfach mal mit auf Tour. Das Zusammenspiel klappte unheimlich gut. Es kommt immer auf das Intuitive an. Jetzt wollen wir mal gucken, ich spiele ja auch Blues. Hammondorgel, Flügel, Kontrabass und E-Gitarre sind diesmal dabei. Es muss auch nicht immer lustig sein, man kann zwischendurch auch mal einen schönen Song spielen. 

Du wirst als Meister des geordneten Chaos bezeichnet, weil du auf der Bühne erst richtig aufdrehst, wenn alles schief geht und um dich herum völliges Chaos herrscht. Welche Urerfahrung hat dich deine Spontaneität beigebracht?

Mein Timing stammt aus meiner Kindheit. Ich bin immer rhythmisch durch die Stadt gelaufen und habe dabei gesungen. Das habe ich richtig kultiviert. Damals wog ich zehn Kilo weniger als heute. Bis ich mit 29 Jahren den Autoführerschein gemacht habe, bin ich unheimlich viel rumgelaufen. 

Für 2020 hast du deine Abschiedstournee angekündigt – allerdings mit dem Zusatz »Ich komme wieder, vielleicht schon morgen«. 

Ja, ich habe mir das überlegt. 2020 bin ich 65. Abschiedstournee! Aber natürlich muss es heißen: Ich komme wieder! Und zwar sofort. 

Denkst du zuweilen wirklich ans Aufhören?

Das geht nicht ohne weiteres. Ich habe ja Kinder im schulpflichtigen Alter. Da möchte ich nicht in Rente gehen, das ist viel zu teuer. Ich habe viele Ausgaben. Es sei denn, ich würde alles wegschmeißen und nicht mehr kreativ sein wollen. Aber das kommt für mich nicht infrage. 

Wie viel Zeit widmest du täglich der Musik?

Sagen wir mal: zwei Stunden - oder auch mehr. Immer so im Vorbeigehen. Wenn ich nicht gerade weggehen will, setze ich mich an den Flügel oder mache die Tonbandmaschine an. Das Lied »Hey Baby« ist nur entstanden, weil ich meine neue Boxen testen wollte. Und dann dachte ich, ich könnte es eigentlich auch mal vorführen. Die Idee ist ja gut. Eigentlich ist das nichts anderes als das, was Janis Joplin gemacht hat. Nur habe ich mehr Worte gebraucht als sie. 

Was sind die Erfolgserlebnisse bei deiner Arbeit?

Wenn das Konzert gut ist. Ausverkauft spielt für mich keine Rolle. Wenn auf der Bühne alles stimmt und gleichzeitig ein bisschen unstimmig ist.

Was willst du heute mit deiner Arbeit vermitteln?

Freiheit. Spaß. Vor 30 Jahren war ich noch etwas verbissener. Nach dem Motto: Ich mache jetzt etwas, was viele nicht verstehen. Heute ist mir das egal, weil ich in mir selber gewachsen bin. Es verstehen jetzt auch mehr, weil sie mehr zuhören. Früher sagte man immer, der Schneider polarisiert.

Was meinst du mit »Ordnung muss sein«?

Ich meine damit nicht, dass die Straßen schön gefegt sein müssen. Wenn man die Chance hat, eine innere Ordnung zu haben, dann hat man auch Platz für seine Mitmenschen, damit man offen ist für die Umwelt. 

Warst du schon mal kurz vor einem Burnout?

Nein, dazu bin ich zu faul. Wenn mir ein Weg zu weit ist, nehme ich mir einen Chaffeur, setze mich hinten ins Auto und kann da schlafen. Mein Beruf ist so, dass ich nicht ängstlich irgendetwas vorbereite und das dann auf der Bühne reproduziere. Sondern ich lebe auf der Bühne. Das ist ein großer Vorteil. Leute wie Helene Fischer dagegen müssen üben. Das könnte ich nicht, weil meine Persönlichkeit dagegen spricht. 

Wie sieht dein Alltag aus?

Ich schreib mal ein Buch, ich dreh mal einen Film, ich mache Musik, ich kümmere mich um meine Kinder und meine Autos. Ich fahre Fahrrad, ich gehe einkaufen. Ich fahre nach Spanien, ich fahre nach Berlin, usw.

Ist es vor allem das Lachen, was du in deinem Beruf glücklich macht?

Auf jeden Fall. Lachen ist ja auch die beste Medizin. Man darf aber nicht erwarten, dass das Publikum lacht, weil man jetzt hier ist. So läuft es nicht. Es ist eigentlich eine ganz coole Sache. Mich irritiert, wenn ich im Fernsehen manchmal Comedians sehe, die ihre Sachen gar nicht selber erfinden, sondern Texte von Autoren auswendig lernen. Ich finde, der Mensch muss an die Kunst geheftet sein. Deshalb improvisiere ich auch. 

Bist du selbst ein Rebell?

Ich glaube, ja. Ich rebelliere gegen mich selbst und gegen das, was ich gelernt habe. Gegen das Spießige, was man so von zuhause mitbekommen hat. Gegen das, was man in den 1950er Jahren gelernt hat - diese Obrigkeitshörigkeit. Dagegen gehe ich mein Leben lang an. 

Interview: Olaf Neumann

18./19. 02.2019 - Philharmonie Essen  
Weitere Infos: merz-vs.de






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