Helge Schneider: »Ene Mene Mopel«

Lachend in die Kreissäge

Von ON in Entertainment am 30.01.2018

Mit dem Gaga-Song »Katzeklo« wurde Helge Schneider vor über 20 Jahren berühmt, heute gehört das Multitalent aus Mülheim an der Ruhr zu den beliebtesten Komikern der Deutschen.

Mit dem Gaga-Song »Katzeklo« wurde Helge Schneider vor über 20 Jahren berühmt, heute gehört das Multitalent aus Mülheim an der Ruhr zu den beliebtesten Komikern der Deutschen. Unlängst wurde der 62-Jährige mit dem Paul-Lincke-Ring der Stadt Goslar für seine besonderen Dienste für die deutschsprachige Unterhaltungsmusik gewürdigt. Seine Konzertreihe unter dem Motto »Ene Mene Mopel« verspricht eine Mixtur aus intelligenter Unterhaltung und Nonsens. Wo andere Künstler seines Alters gerne parfümierte Klänge erzeugen, stürzt er sich mit heiligem Ernst in die psychedelischen Sounds der 70er Jahre. Wir sprachen mit Helge Schneider über Politik, alte und neue Nazis und seinen ungebrochenen Optimismus. 

Helge, unter dem Bandnamen The Thunderspotniks arbeitest du gerade an einer Platte mit Randy Hansen. Eure Musik nennet ihr »Psychoblues«. Der Amerikaner gilt weltweit als einer der besten Jimi-Hendrix-Interpreten. Hat er dir ein paar Tricks gezeigt?

Nein. Er spielt den ganzen Tag vor sich hin und entwickelt Sachen. Das ist ganz interessant. Aber man muss sich Zeit nehmen. Wir müssen noch einmal hier ins Studio und dann kann man davon vielleicht eine Schallplatte machen. Ich kann Randy nicht mit auf Tour nehmen, ich muss das trennen. In meiner Show bin ich Komiker, aber mein Herz schlägt für die Musik. Hier bin ich gerne Sideman. 

Hast du noch immer Spaß am Leben auf Tour?

Ja, weil ich die richtige Kapelle zusammengestellt habe. Mit Peter Thoms am Schlagzeug kann eigentlich nichts schief gehen, weil da alles schief geht. Carlos und Sergej Gleithmann habe ich als Chor abgestellt. Und Rudi Olbrich ist auch wieder dabei. Er ist mittlerweile 85. Man muss so lange mit ihm spielen, so lange er noch zupfen kann. Wenn er 104 ist, bin ich erst 80. Für die letzten 20 Jahre muss ich mir noch einen anderen Bassisten suchen. Aber dann will ich mal junge Leute nehmen. 

Welcher Song hat dich zur Musik bekehrt?

»Serenade To A Cuckoo« von Roland Kirk. Ich fand auch Miles Davis und Archie Shepp gut. Ich bin damals in Plattenläden gegangen und habe mir immer alle möglichen LPs über Kopfhörer angehört, aber sie nie gekauft. 

Eigentlich wolltest du gar keine Studioplatten mehr aufnehmen, weil Jazz aus dem Moment lebt und nur live funktioniert. 

Bei Jazz ist das auch schwierig. In kleinem Kreise live aufgenommen klingt Musik sehr gut, aber Zwischenrufe und extremes Geklatsche machen eine Liveplatte kaputt. Mit Randy ins Studio zu gehen ist die eine Sache. Live wäre es vielleicht noch besser. 

Was reizt dich mehr: Band- oder Solokonzerte?

Ab Dezember 2018 spiele ich auch wieder solo. So habe ich angefangen. Allein hat man noch mehr Freiheiten. Ich kann dann mit der Leere der Bühne arbeiten und aus dem Nichts schöpfen. Das ist eine ganz andere Intensität. Aber zuvor spiele ich noch mit dieser Band in den Läden, in denen wir noch nicht waren. 

Das Motto deiner Tournee - »Ene Mene Mopel« - ist einem Kinderreim entliehen. Hast du  schon als Kind deine Mitschüler mit lustigen Abzählreimen unterhalten?

Nein, überhaupt nicht. Das ist mir so eingefallen. Und siehe da: Es wird schon wieder etwas reininterpretiert. Lass sie! 

Was macht dich sonst noch wütend?

Wenn ich einen Bericht über Tiertransporte sehe, die über die Ukraine, Polen, Jugoslawien und Italien in die Türkei gehen, wo die Hälfte der Tiere an der Grenze sterben, weil sie nicht rüberkommen. Und die überleben, werden in der Türkei ganz schlecht geschlachtet. Da kriege ich die Wut. Aber wenn die Welt so ist, braucht man sich nicht zu wundern, dass die Erde nicht mehr lange macht. 

Bist du enttäuscht von den Politikern in Deutschland?

Ich gehe zur Wahl, aber entweder du wählst jemand, der überhaupt keine Chance hat oder eine etablierte Partei mit dem Bewusstsein, dass die versuchen, ein bisschen umzudenken. Die Tendenz ist ja da. Aber sobald jemand mit einem höheren Posten umdenkt, wird versucht, ihn abzusägen. Die Tatsache, dass unserer Bundeskanzlerin der Spruch »Wir schaffen das!« immer wieder vergällt wird, finde ich ganz schlimm. Das Menschliche wird überhaupt nicht mehr registriert.

Wovon träumst du?

Gestern Nacht hatte ich einen zukunftsträchtigen Traum. Ich kam an einem Haus vorbei. Darin wohnte ein Reichsbürger, einer dieser Idioten. Er guckte aus dem Fenster. Um sich herum hatte er einen Zaun mit seiner eigenen Flagge gezogen. Das war sein Reich. Ich habe mich gefragt: Was ist das für ein Mensch? Sind das Leute, die dieselben Sorgen haben wie du und ich? Wie kommt man darauf, sich so zu separieren? Und diese Separatisten kriegen auch noch Freunde. Das es sowas gibt, ist Pech. 

Hast du dir trotz allem deinen Optimismus bewahrt?

Ich muss anscheinend Optimismus haben, ich habe ja auch kleine Kinder. Die sind sehr optimistisch und saugen alles auf, was es gibt. Kinder sind Aufnehmer der Zukunft. Da kannst du nicht pessimistisch sein. Das Lachen ist eine der größten Herausforderungen. Lachend in die Kreissäge - so ist unser Leben. 

Steckt hinter deine skurrilen Liedern und Improvisationen eine tiefgründige Botschaft, die du den Leuten ins Unterbewusstsein injizierst, damit sie ihr Leben danach gestalten?

Ich möchte darauf antworten wie die von AC/DC: Das ist nicht mein Geschäft! Mein Geschäft ist, die Leute zum Lachen zu bringen. Vielleicht ist allein das schon politisch. Ich setze mich aber nicht dem Druck aus, dadurch Politiker zu sein. Das, was uns als Politik vorgesetzt wird, ist Parteipolitik, Länderpolitik, Europapolitik. Wo es so viele Gesetze und Normen gibt, brauchen die Leute das. Genauso wie sie sich eingrenzen und damit auch selbst ausgrenzen. Es gibt mehr Leute, die Spaß am Krieg haben, als wir uns vorstellen können. 

Bestand bei dir nie die Gefahr, kommerziell verheizt zu werden?

Das funktioniert mit mir nicht. Ich bin dafür zu eigensinnig. Weil ich das Lied »Käsebrot« gemacht habe, trat eine Käsefirma an mich heran. Ich mache aber keine Werbung. Irgendwann schlug ich den Spiegel auf, darin war der nagelneue Jaguar XKR Coupé abgebildet. Darunter stand meine Textzeile »Macht die Katze froh«. Ich hätte dagegen vorgehen können, aber ich habe es nicht getan. Werbung interessiert mich nicht. 

Interview: Olaf Neumann

14.02.2018 - Philharmonie Essen



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