von ON am 30.11.2016 in Entertainment

Neue Zoten vom Proll-Comedian aus Essen-Kray: »Der Turbo von Marrakesch« heißt Atze Schröders zweiter Roman, den der frisch gebackene Comedypreisträger gemeinsam mit seinem Co-Autor Till Hoheneder geschrieben hat.

Atze Schröder, warum schreibst du jetzt Romane? Missfällt dir irgendwas an deinem Beruf als Bühnenkünstler?

Im Gegenteil: Ich sehe das als Erweiterung, ich hatte immer schon ein Faible für Literatur. Beim Schreiben des ersten Buchs hatten Till und ich so viel Spaß, dass wir unbedingt nachlegen wollten. Damals war auch schon klar, dass das nächste Buch ein Thriller sein muss.

Wie sehr warst du beim Schreiben in deiner Rolle als Atze Schröder?

Volles Brett! Till und ich sind beim Schreiben wie ein Monster mit zwei Köpfen. Immer wenn einer von uns beiden eine gute Idee hatte, rollten wir uns vor Lachen auf dem Boden. Wenn man so eine Figur wie Atze mit ihrer großen Klappe in Gefahr bringt und sie unter Druck kommt, kriegt man eine unglaubliche Fallhöhe hin. Das haben wir sehr genossen.

Atze wird im Buch von Profikillern verfolgt. Wie reagiert er auf Gefahr?

Meist ist sie ihm gar nicht bewusst. Aber wenn er dann mal feststellt, jetzt wirds brenzlig, will er immer gleich abhauen. Aber man lässt ihn nicht raus, das ist ja das Schöne. Mehr Gefahr wie in dem Buch geht nun wirklich nicht. Einen russischen Killer, eine französische Killerin, den BND und ein Syndikat - Atze hat wirklich alle am Hacken.

Apropos BND - wie geht Atze mit Autoritäten um?

Meistens lacht der Bühnen-Atze da drüber. Aber wenn einer wirklich kompetent ist, zieht er vor ihm den Hut. Autoritäten trifft es aber nicht genau, es waren bei mir persönlich eher gute Vorbilder wie mein Vater. Aber ich habe auch viele starke Frauen getroffen. So ist es zum Beispiel zu der Figur Dr. Monika Mertents in unserem Buch gekommen, weil es bei Till so ähnlich war. Wir stehen beide auf starke Frauen. Verlässlichkeit und Loyalität beeindrucken mich seit jeher.

Wie war dein Verhältnis zu deinem Vater?

Toll. Mein Vater hat im Zweiten Weltkrieg ganz schlimme Sachen erlebt und kam erst zehn Jahre später aus russischer Gefangenschaft zurück. Er hat daraus keinen Hehl gemacht. Trotzdem schaffte er es, für den Rest seines Lebens noch ein ganz fröhlicher Mensch zu sein und seinen Kindern viel Liebe mitzugeben. Das fand ich eine starke Lebensleistung.

Der reale Bundesnachrichtendienst hatte in letzter Zeit mit vielen Pannen zu kämpfen. Wie hast du dir diese Behörde vorgestellt?

Wir haben bewusst nicht recherchiert und den BND so beschrieben, wie wir ihn gerne hätten. Alles, was in unserem Buch mit dem BND passiert, ist frei erfunden. Wir wünschen uns, dass es so jemanden gibt wie Dr. Monika Mertens, die über uns alle wacht, so dass wir ruhig schlafen können.

Die Figur der BND-Mitarbeiterin Dr. Monika Mertens wurde von dir besonders liebevoll angelegt. Gibt es dafür einen Grund?

Das hat sich so entwickelt beim Schreiben. Wir wollten dafür keinen Mann, sondern eine starke erfahrene Frau haben. Und die ist dann zu unserem Liebling geworden. Dr. Monika Mertens ist fast eine korrekte Ausgabe von Atze, sie hat eine genauso übersteigerte Libido. 

Wie fühlt man sich als Sexsymbol?

Wenn meine Perle das Buch liest, knufft sie mich ab uns zu mal in die Seite und fragt: »Können wir das nicht auch mal machen?«

Es gibt psychologische Studien über das Heilsame in der literarischen Fiktion. Welche Wirkung hatte das Schreiben auf dich persönlich?

Eigentlich ging es dabei nur um Spaß. Da wir das Buch zu zweit geschrieben haben, mussten wir feststellen, dass wir in einigen Dingen ähnlich kulturell sozialisiert wurden und in einigen ganz anders. Zum Beispiel, was erotische Filme oder Romane betrifft, die man als Jugendlicher konsumiert hat. Du schöpft immer aus dem, was sich in deinem Leben angestaut hat. Wir wollen ohne erhobenen Zeigefinger auf einem Bombenniveau unterhalten. Formulierungen wie »Joachim Löw, der Bundestrainer des FC Libido, hätte von einer Auswechslung abgesehen« machen uns einfach Spaß.

Welche Moral hat die Geschichte?

Ganz hinten im Buch, wenn wir den Sack zumachen, gibt es eine Moral. Nämlich dass man sich nicht überschätzt, bei seinen Leuten bleibt und wissen muss, wo man zuhause ist.

Wie denkt Atze über die so genannten Wutbürger?

Wie viele andere schwanke auch ich hin und her. Eigentlich hatte ich geplant, im neuen Programm dazu Stellung zu beziehen, aber das kann ich gar nicht. Man hat ja jede Woche eine neue Situation. Wie allein der Auftritt dieser verschleierten Niqab-Frau bei Anne Will die Presse schon wieder von links nach rechts treibt! Man muss aufpassen, in dieser Sache nicht zu heilig zu werden und muss auch die Sorgen und Ängste der Menschen ernst nehmen. Ich glaube, bei den meisten ist es weniger Fremdenhass als Angst vor Fremden. Neben dem Haus, in dem ich wohne, hat die Stadt jetzt ein Haus aufgekauft als Flüchtlingsheim. Dort wohnen zwei syrische Familien, ganz nette Leute. Meine Perle hat ihren Kleiderschrank ausgemistet und meinen gleich mit, ohne dass ich davon etwas wusste. Das hat dazu geführt, dass mein syrischer Nachbar jetzt meinen Lieblingswintermantel trägt. Das müsste ich eigentlich witzig aufarbeiten, ich bin ja Komiker.

Dein neues Programm »Turbo« wird im Pressetext als ein Manifest des Guten bezeichnet. Was verstehst du darunter?

Unsere Nächstenliebe gebietet uns ja zu helfen. Der Satz »Liebe deinen Nächsten« kommt nicht nur in allen Religionen, sondern sogar bei atheistischen Philosophen vor. Selbst John Lennon sagte: »Liebe ist die Antwort«. Das heißt, du musst helfen, du kannst ja nicht weggucken. Andererseits können wir nicht so tun, als würde es keine Probleme geben. Also müssen wir auch das ansprechen. In diesem Spannungsfeld findet mein Programm statt.

Glaubst du noch an das Gute im Menschen?

Ja total. Das ist so tief in mir verankert, dass ich morgen beim Aufstehen schon denke, was es heute schon wieder Schönes gibt.

In »Turbo« filetierst du laut Pressetext das dumme Geschwätz der völlig abgehobenen Superstars.

Es geht um die Als-Ob-Gesellschaft. Man sieht ja bei Facebook und in den ganzen Magazinen nur noch, wie gut es den Leuten geht. Nach dem Motto: »Ich bin gesegnet«. Ich will jetzt den Deckel lüften und sagen, was dahintersteckt. Diese Leute kochen auch nur mit Wasser.

Gehörst du nicht längst selbst zu den abgehobenen Superstars?

Abgehoben glaube ich nicht. Es ist einem selber vielleicht nicht so bewusst, aber ich habe gottseidank viele ganz normale Freunde. Da wird es schwer abzuheben. Wenn abends mein bester Kumpel in der Vorstellung ist, sagt er in der Pause zu mir: »Sprich mal ein bisschen schneller, ich will noch in die Stadt!«

Übst du deine Rolle eigentlich? Stehst du im Atze-Outfit zu Hause vor dem Spiegel?

Nein, überhaupt nicht. Am schönsten ist es, auf die Bühne zu gehen und zu gucken, was passiert. Ende des Jahre mache ich 15 Jobs, bei denen ich ohne Programm auftrete und mich einfach mit den Leuten unterhalte. Ich nehme die Tageszeitung mit und versuche, jeden Abend ein paar Steine ins Wasser zu werfen. Mein Management war davon nicht begeistert, aber ich gönne mir das jetzt einfach mal.

Gibt es in deinem Leben auch Momente, wo dir das Lachen vergeht?

Also, ich engagiere mich in verschiedenen Organisationen wie Madamfo Ghana und bei roterkeil.net gegen Kinderprostitution. Ich gucke mir die Projekte immer vor Ort an. In Berlin zum Beispiel war ich für roterkeil.net bei der Stricherhilfe. In Angesicht dieses Elends vergeht dir das Lachen. Aber es hilft keinem, schlecht gelaunt zu sein. Wenn man an die Probleme entspannt rangeht, findet man scheller eine Lösung.

Du stehst auf der Sonnenseite des Lebens. Fühlst du dich dadurch verpflichtet, dich für die Menschen auf der Schattenseite zu engagieren?

Ja total. Ich fühle mich nicht schuldig, aber ich habe diese Möglichkeit, und deshalb fühle ich mich verpflichtet, sie auch zu nutzen.

Interview: Olaf Neuman

»Turbo«- Die Preview: 27.01.2017 - Zeche Carl