von ON am 29.10.2016 in Entertainment

Fritz Kalkbrenner, 35, spielt weltweit in ausverkauften Clubs, Hallen und auf Festivals. Wir sprachen mit Fritz Kalkbrenner über sein neues Album »Grand Dèpart« …

Fritz Kalkbrenner, 35, spielt weltweit in ausverkauften Clubs, Hallen und auf Festivals. Sein Großvater, Fritz Eisel, war einer der bekanntesten Maler der DDR und sein Bruder ist der DJ Paul Kalkbrenner. Wir sprachen mit Fritz Kalkbrenner über sein neues Album »Grand Dèpart« …

Geackert wird immer

Fritz Kalkbrenner, 35, spielt weltweit  in ausverkauften Clubs, Hallen und auf Festivals. Sein Großvater, Fritz Eisel, war einer der bekanntesten Maler der DDR und sein Bruder ist der DJ Paul Kalkbrenner. Wir sprachen mit Fritz Kalkbrenner über sein neues Album »Grand Dèpart« …

Die Musiker der Techno-Generation werden häufig als Enkel von Kraftwerk bezeichnet. Fühlst du da eine Verwandtschaft?

Nein, nicht wirklich. Kraftwerk sind Jungs aus der Oberschicht mit einem intellektuellen Ansatz. Sie hatten Geräte, die unfassbar viel Geld kosteten. Meine Musik hingegen nimmt die Schleife über die Staaten, über Chicago und Detroit, wo dann wirklich die Ärmsten der Armen diesen kraftvollen, clubbezogenen Ausdruck kreierten. Dieser Ausdruck schwappte 1987 wieder nach England. Diese Tradition ist wesentlich schwärzer und nicht so kühl konzentriert wie die Düsseldorfer Schule um Kraftwerk. Natürlich würde der elektronischen Musik ohne die Großmeister in der Frühprägung viel fehlen. Aber ich glaube, den Einfluss von Kraftwerk findet man heute eher in der ernsten Musik wieder. 

Wie bist du als DJ zu einem Sänger geworden?

Vocal House gab es ja schon vor mir. Ich bin nicht der erste, der in Club-Produktionen gesungen hat. Das fand ich immer toll und hatte das Gefühl, dazu befähigt zu sein. Es gab bei mir kein Erweckungserlebnis. 

Was willst du mit deinen Texten ausdrücken?

Das, was einen so umtreibt. Es geht grundsätzlich um die Melancholie: Leben ist Abschied. Aber eigentlich ist es viel zu schön, als dass es jemals zu Ende gehen sollte. Das tragen alle Menschen in sich. Aber man muss das Leben auch nicht verschleudern. Ich möchte die Inhalte eigentlich nicht kommentieren. Grund dafür ist nicht Faulheit, sondern die Deutungshoheit. Ich möchte den Hörern Interpretationsspielraum lassen. Viele meiner Texte sind nicht ohne Grund mehrdeutig.

Dein Bruder Paul hört angeblich nichts von anderen Interpreten, sondern nur seine eigene Musik. Und du?

Bei mir ist das anders, ich habe einen breiten musikalischen Horizont. Nur hinter elektronischer Musik bin ich gar nicht so hinterher, das mache ich ja schon selber. Das klingt absurd, hat aber einen Sinn. Wenn man zehn Stunden im Studio gewesen ist, hat man selten die Lust, danach noch weiter in dieselbe Richtung zu gehen. Ich höre dann eher Ennio Morricone oder abseitige Sachen wie Trojan Reggae Records, die mir dann wieder die nötige Inspiration jenseits des Tellerrands geben. 

Tauscht du dich mit deinem Bruder aus?

Wenn es die Zeit ergibt, klar, wir sind ja beide vom Fach. Aber wir tun dies nicht mehr so oft wie früher, wir beherrschen beide unser Handwerk. Warum sollten wir etwas zerreden, das wir längst wissen?

Du trägst denselben Vornamen wie dein Großvater Fritz Eisel, der einer der bekanntesten Maler der DDR war. Sicher kein Zufall, oder?

Bei Preußen heißt jeder dritte Friedrich oder Fritz. Bei mir ist das nicht mal eine Abkürzung. Die Beschäftigung mit Kunst hat sich bei mir von ganz allein durchgesetzt. Wenn der Großvater Rektor einer Kunsthochschule ist, dann weiß man mit zwölf Jahren schon, was Impressionismus ist. Wenn der Umgang mit Kunst nicht mit der Peitsche eingearbeitet werden muss, dann ist das wesentlich lebendiger. 

Was bedeuten dir die Bilder deines Opas?

Ich besitze ein paar von ihnen und werfe immer wieder mal einen Blick in den Fundus. Mein Großvater hat viel Landschaftsmalerei betrieben. Ich halte es aber für Humbug, dass man das, was man an Kunst gesehen hat, direkt in Musik umsetzt. Das wird eher im Unterbewusstsein umgesetzt und dann noch mal anders ausgedrückt. 

Im PR Text zum Album wirst du als Ostberliner bezeichnet. Warum legst du da Wert drauf?

Es ist ja immer noch der Ostteil der Stadt. Das schreibe ich mir nicht auf die Flagge, es ist ein Sachverhalt. Ostberlin hat ja nicht am 3. Oktober 1989 aufgehört zu existieren, sondern es ging noch Jahre weiter in der Prägung der Menschen, in ihrem Aussehen, in der Struktur und Umwandlung. Ich gehöre wahrscheinlich zur letzten Generation, die das noch im Hinterkopf hat. Ob es gut oder schlecht ist, weiß man nicht. 

Wie hat deine Ostberliner Herkunft dich als Künstler geprägt?

Lichtenberg zu der Zeit hat wenig Trost gespendet. Da schwingt viel Wehmut mit, auch durch den Zusammenbruch aller Strukturen. Bis 1996/97 waren es keine so schönen Jahre für mich. Das prägt einen natürlich.

Du bist mit 17 von der Schule geflogen. Was hattest du angestellt?

Nicht da gewesen, ich habe lieber andere Sachen gemacht. 47 Fehltage sind in der 11. Klasse nicht mehr tragbar, da muss man dann gehen. Mit 17 glaubte ich alles zu wissen, aber dann folgten sechs harte Jahre als Dank für den Schulabbruch. Dann hat man wieder was gelernt. Nach der Schule arbeitete ich in allen möglichen Jobs, im Schlachthaus und so. Ich hatte ziemlich viele schwierige Jobs in meinen Leben und habe auch gedarbt, gehungert. 

Hättest du deine Eltern nicht um Hilfe bitte können?

Nee, die hatten ja auch nichts. Wenn man kein Netz hat, fällt man auf den Arsch. 

Hast du anfangs auf Undergroundpartys aufgelegt?

An meiner Tätigkeit selber hat sich nichts geändert, nur an der Wahrnehmung. Klar, früher hat man als Live-Act in der Maria vor 300 Leuten gespielt, das hat sich natürlich vergrößert. Ich fühle aber keinen Bruch und mache immer noch dasselbe. Mein Wirkungskreis mag sich geändert haben, aber der Anschluss zu den anderen in der Szene ist immer noch da. 

Hast du deine Eltern anfangs mit deiner musikalischen Neigung genervt?

Dafür ist Techno viel zu saturiert, der Bedarf der Szene ist nicht, sich als provokant darstellen und sich abgrenzen zu müssen. Das Leben ist hart genug, ich muss keinem etwas mit der Brechstange vorspielen. Mutti kann das kacke finden, und wenn sie reinkommt, macht man die Musik aus. 

Wenn man sich mit Veteranen der Techno-Szene unterhält, ist immer wieder vom »Party-Spirit« in der ersten Hälfte der 90er Jahre die Rede, der heute irgendwie nicht mehr so da sei. Was hat es damit auf sich?

Pfff. Die Frage ist, ob das das Gezeter alter, weißhaariger Männer ist. Diese Menschen sind ja jetzt auch schon 50. Sie sagen, dass zu ihrer Zeit alles geil war und die Jugend verblödet ist. Das war auch schon bei Sokrates so. Es gibt Aufzeichnungen von ihm über die Liederlichkeit der Jugend. Von daher wäre ich da immer vorsichtig. Es verändert sich und man wächst aus dieser Zeit raus. Dann findet da etwas statt, an dem man selber nicht mehr teilnimmt. Auf einmal ist das fremd und unverständlich, Spotify-Playlisten, Streaming etc. habe ich auch, aber ich konsumiere das nicht so wie ein 17-Jähriger, bei dem das die ganze Welt ist. Aber der sitzt vor einem Kassettenrekorder und weiß nicht, wie das kleine Scheißteil da reingeht. Ich bin ja noch aus der Übergangszeit vom analogen zum digitalen Zeitalter. Von daher habe ich nicht so eine Denke wie ein 17-Jähriger. Es gab bestimmt auch großartige Partys um die Jahrtausendwende herum. Es hat nicht alles in den frühen 90ern geendet. 

Was fasziniert dich nach wie vor an der sogenannten Feierkultur?

Im Club ist es immer noch ein barrierefreier Raum mit wenig Klüngel. Das ist schon einmalig. An den Rändern gibt es natürlich Ausprägungen, das nennt man dann Feieradel, die Technoheiligen. Aber in diesem Zusammenkommen ist die Technowelt sehr barrierefrei. Geschlecht, Religion, Sexualität wird da alles genullt. Bei Konzerten hingegen treffen sich eher Gleichgesinnte. Integralität findet da nicht so richtig statt und alle beweihräuchern sich daran, wie sie alle dasselbe denken. 

Wie wurdest du zu einem Global Player?

Die Single, die ich vor sechs, sieben Jahren zusammen mit meinem Bruder gemacht habe, wurde ziemlich bekannt und stieß auch bei Promotern im Ausland auf Interesse. Und dann spielt man halt die Shows von hier bis Australien, das entwickelte sich nicht explosionsartig, sondern schrittweise. Shows spiele ich eigentlich immer unabhängig von einer Tour. Nur so als Beispiel: Samstag Chiemseefestival, Sonntag SW4 in London, Montag habe ich einen Tag auf Ibiza und bin dann am Mittwoch in Marseille. Das ist eine normale Rutsche, aber was das Album angeht, wird es eine richtige Tour geben. Sie fängt mit großen Hallen hier in Deutschland an. Geackert wird immer.  

Inwieweit ist dein Job saisonabhängig?

Hochsaison ist im August. Da haben alle frei und wollen Spaß haben. Aber im Januar ist bei uns in der Branche nicht viel los, weil keiner mehr Geld hat. 

Wird das Plattenauflegen auf der ganzen Welt irgendwann zur Sucht?

Nicht bei mir. Manche können davon nicht lassen, bei anderen wird es zu einer Hassliebe. Bei ganz anderen sogar zu Hass. Es gibt DJs, die stehen ihrem Beruf gleichgültig gegenüber, sie sagen sich, sie müssen es machen, obwohl es ihnen schon lange am Arsch vorbei geht. Bei mir ist es launenabhängig. Manchmal ist es richtig viel Arbeit, aber dann gibt es wieder ganz tolle Shows. 

Wann ist eine Show gelungen?

Boah, ich bin superkritisch. Die bei mir im Team witzeln schon, weil ich immer nur sage: »Ja, war ok«. Immer tief stapeln, der perfekte Kreis existiert als solcher nicht. Wenn man tief stapelt, wird das Erlebnis vielleicht größer: tief spielen, hoch punkten. Aber das sind nicht greifbare Sachen, das hat auch viel mit der externen Stimmung zu tun. Wenn da zum Beispiel einer im falschen Moment geblökt hat. Aber es gibt gute und weniger gute Shows, ganz klar. Wenn der Funke überspringt, ist eigentlich fast alles schon geschafft. Bei Juicy Beats in Dortmund hat es zum Beispiel ohne Aufwärmphase sofort geklappt. 

Die bekanntesten DJs sind heute Stars, die sich kaum von Rockstars unterscheiden und zu denen das Party-Volk ergeben hinaufblickt. Wie gehst du mit dem Starkult um?

Klar, das hat sich eingebürgert. Die Jugend macht keinen Unterschied mehr zwischen DJs und Musikern, das ist auch okay. Die eiern zum Teil mit einem Privatjet um die Welt und kriegen sechsstellige Gagen. Die übergießen sich mit Champagner. Aber das ist nicht der Normalfall und auch nicht gut. 

In welchen Ländern bist du besonders populär?

Wir haben eine sehr gute Basis in Italien, Frankreich, Spanien, Portugal, Polen, Schweden, Schweiz und Österreich. Wir spielen eine Tour in den Vereinigten Staaten und in Mexiko. Für 2017 ist eine Südamerikatour geplant. Australien schaffe ich diesmal zeitlich nicht. Glücklicherweise gibt es bei mir keinen Mangel. Der Vibe bei Partys entspricht oft dem Naturell der Leute. Das Fantum ist zum Beispiel bei Italienern sehr ausgeprägt. Wenn die sich für etwas begeistern können, dann ist das vollends so. Nach meiner Show in Rom musste ich Autogramme auf Schuhen, Führerscheinen und bei einem sogar auf der Stirn geben. Eine absurde Situation nahe der Panik. Bei manchen ist die Reaktion eher kühler, was aber nicht heißt, dass sie die Show weniger bewerten. Das ist dann eher so nach innen gerichtet und sie gehen mit einem warmen Herzen aus der Sache raus. 

Wie lange kann man diesen Job machen?

Kommt drauf an, wie man seine Balance hält. Sven Väth ist jetzt 50 plus und was da stattfindet, ist kein Mimikry. Was er macht, macht er mit Leib und Seele und donnert dabei ständig um die ganze Welt. 

Der Boom der letzten großen, wirklich neuen Jugendkultur um die Techno-Szene herum ist schon lange vorbei. Siehst du am Horizont etwas Neues entstehen?

Es gibt viele neue kleinere, aber keine flächendeckende Jugendkultur mehr. Die Zeiten sind vorbei. Durch die Form der Medien und Rezeption der Dinge ist das nicht mehr möglich. Heute ist alles verfügbar. 

Interview: Olaf Neumann

Foto: David Rasche