Interview mit Benjamin von Stuckrad-Barre

Benjamin von Stuckrad-Barre – Zwischen Rausch und Ruhm

Von ON in Entertainment am 01.04.2016

Benjamin von Stuckrad-Barre wurde bekannt als Autor der so genannten Generation Golf. Sein neuester Coup »Panikherz« ist ein starkes Hybrid aus Autobiografie, Bildungsroman und analytischer Nabelschau. Wir trafen einen gut gelaunten Stuckrad-Barre in Hamburg zum Comeback-Interview.

Benjamin von Stuckrad-Barre, Foto: Julia Zimmermann

Benjamin von Stuckrad-Barre wurde bekannt als Autor der so genannten Generation Golf. Bereits sein Debütroman »Soloalbum« entwickelt sich zum Bestseller, doch der Autor zerbricht am Leben zwischen Rausch und Ruhm – und wird nach Jahren im Nebellabyrinth auf wundersame Weise von seinem Jugendidol Udo Lindenberg gerettet. Sein neuester Coup »Panikherz« ist ein starkes Hybrid aus Autobiografie, Bildungsroman und analytischer Nabelschau. Wir trafen einen gut gelaunten Stuckrad-Barre in Hamburg zum Comeback-Interview.

Was gab Anlass, bereits mit 40 dein Leben aufzuschreiben?

Das tue ich eigentlich, seit ich diesen Beruf mache. Aber »Panikherz« ist natürlich trotzdem keine Autobiografie. Die äußeren Daten stimmen zwar mit meinem Leben überein, aber für eine reine Autobiografie bin ich weder alt noch berühmt genug. Ich wollte etwas erzählen, was ich erlebt habe und es dann behandeln wie einen Roman. 

Hat Musik beim Schreiben geholfen?

Viel mehr als Fotos, die behindern eher, weil sie durch Konkretion einengen. Um mir verschiedene Jahre und Phasen wachzurufen und mich zurückzuversetzen in mein damaliges Denken und Sein, habe ich einerseits Playlists erstellt, und andererseits der Parfümerie Besuche abgestattet. Ich muss mir nur den billigen Deppenduft Jil Sander Sun aufs Handgelenk sprühen, schon kann ich das Jahr 2002 von April bis Oktober durch erzählen. Und zwar nicht, wie es genau war, sondern was davon wichtig ist. 

Mit welchen Erinnerungstechniken hast du die Drogenjahre rekapituliert?

Es gilt natürlich die alte Falco-Regel: Wer sich noch an die 80er Jahre erinnern kann, war nicht dabei. Aber man kann es hochrechnen. So gesehen, ist der Vorteil an einer Sucht, dass sie wahnsinnig langweilig ist. Du kannst dir einen Abend merken und die nächsten 40 sind ungefähr genauso. Das Prinzip des Drogennehmens ist Wiederholung und Vergessen. Ein Text folgt eigenen Gesetzen. Dieses ganze Junkie-Jahr 2003 schnurrt auf den Moment zusammen, in dem ich im Spiegel-Titelbild erwache und denke: »Wann war jetzt eigentlich der zweite Irakkrieg?« Über dieses Bild kann ich meine Gesamtverfasstheit in der Zeit erzählen und ableiten. Der Rest ist Schreiben. 

Dein musikalisches Erweckungserlebnis hattest du mit Udo Lindenberg. Was hast du als Spätgeborener in dem Jugendidol der 70er Jahre gesehen?

Eine Mischung aus ideellem älteren Bruder und Freund. Mit 12 kennt man noch nicht den Trick, sich über Musik zu stilisieren. Es war bloß eine alte Udo-Live-Platte aus den 70ern, aber für mich war diese Musik und Sprache völlig neu: eine Märchenplattenwelt. Durch Udos damals schon sehr umfangreiches Werk ging eine ganz neue Welt für mich auf, und ich konnte mich darin rückwärts bewegen. Ich versank völlig in seinen Erzählungen aus der großen weiten Welt und war von Beginn an entflammt von seinem spielerischen Umgang mit Sprache. 

Dein erstes Interview führtest du mit Rio Reiser in Göttingen, wo du 1994 dein Abitur machtest. Hattest du sofort das Gefühl, das ist die Welt, in die ich hinein will?

Ich bin immer schon ein irrer Fan gewesen und wollte den Leuten, die ich toll fand, so nahe kommen wie möglich. Nur deswegen bin ich Musikjournalist geworden: um Musiker treffen zu können und um gratis Platten und Konzerttickets zu bekommen. 

In deiner Zeit als Produktmanager bei Motor Music in Hamburg warst du u.a. für Element Of Crime und Phillip Boa zuständig. Ein Traumjob?

Das war furchtbar für die Künstler! Ich war Anfang 20 und ein Fan, der sich in der Tür geirrt hatte. Es war die Zeit, als die Musikindustrie noch im Geld schwamm und fröhliche Verschwendung feierte und alles ein bisschen egal war. Ich weiß gar nicht so genau, warum ich das gemacht habe. Zuvor war ich ein Jahr beim Rolling Stone gewesen und wurde gefragt, ob ich nicht bei einer Plattenfirma arbeiten wolle. Warum nicht! Aber ich hatte dabei kein Ziel, ich fand einfach nur immer diese Welt so anziehend, die Musikwelt. 

Was gab Anlass, bereits mit 40 dein Leben aufzuschreiben?

Das tue ich eigentlich, seit ich diesen Beruf mache. Aber »Panikherz« ist natürlich trotzdem keine Autobiografie. Die äußeren Daten stimmen zwar mit meinem Leben überein, aber für eine reine Autobiografie bin ich weder alt noch berühmt genug. Ich wollte etwas erzählen, was ich erlebt habe und es dann behandeln wie einen Roman. 

Hat Musik beim Schreiben geholfen?

Viel mehr als Fotos, die behindern eher, weil sie durch Konkretion einengen. Um mir verschiedene Jahre und Phasen wachzurufen und mich zurückzuversetzen in mein damaliges Denken und Sein, habe ich einerseits Playlists erstellt, und andererseits der Parfümerie Besuche abgestattet. Ich muss mir nur den billigen Deppenduft Jil Sander Sun aufs Handgelenk sprühen, schon kann ich das Jahr 2002 von April bis Oktober durch erzählen. Und zwar nicht, wie es genau war, sondern was davon wichtig ist. 

Mit welchen Erinnerungstechniken hast du die Drogenjahre rekapituliert?

Es gilt natürlich die alte Falco-Regel: Wer sich noch an die 80er Jahre erinnern kann, war nicht dabei. Aber man kann es hochrechnen. So gesehen, ist der Vorteil an einer Sucht, dass sie wahnsinnig langweilig ist. Du kannst dir einen Abend merken und die nächsten 40 sind ungefähr genauso. Das Prinzip des Drogennehmens ist Wiederholung und Vergessen. Ein Text folgt eigenen Gesetzen. Dieses ganze Junkie-Jahr 2003 schnurrt auf den Moment zusammen, in dem ich im Spiegel-Titelbild erwache und denke: »Wann war jetzt eigentlich der zweite Irakkrieg?« Über dieses Bild kann ich meine Gesamtverfasstheit in der Zeit erzählen und ableiten. Der Rest ist Schreiben. 

Dein musikalisches Erweckungserlebnis hattest du mit Udo Lindenberg. Was hast du als Spätgeborener in dem Jugendidol der 70er Jahre gesehen?

Eine Mischung aus ideellem älteren Bruder und Freund. Mit 12 kennt man noch nicht den Trick, sich über Musik zu stilisieren. Es war bloß eine alte Udo-Live-Platte aus den 70ern, aber für mich war diese Musik und Sprache völlig neu: eine Märchenplattenwelt. Durch Udos damals schon sehr umfangreiches Werk ging eine ganz neue Welt für mich auf, und ich konnte mich darin rückwärts bewegen. Ich versank völlig in seinen Erzählungen aus der großen weiten Welt und war von Beginn an entflammt von seinem spielerischen Umgang mit Sprache. 

Dein erstes Interview führtest du mit Rio Reiser in Göttingen, wo du 1994 dein Abitur machtest. Hattest du sofort das Gefühl, das ist die Welt, in die ich hinein will?

Ich bin immer schon ein irrer Fan gewesen und wollte den Leuten, die ich toll fand, so nahe kommen wie möglich. Nur deswegen bin ich Musikjournalist geworden: um Musiker treffen zu können und um gratis Platten und Konzerttickets zu bekommen. 

In deiner Zeit als Produktmanager bei Motor Music in Hamburg warst du u.a. für Element Of Crime und Phillip Boa zuständig. Ein Traumjob?

Das war furchtbar für die Künstler! Ich war Anfang 20 und ein Fan, der sich in der Tür geirrt hatte. Es war die Zeit, als die Musikindustrie noch im Geld schwamm und fröhliche Verschwendung feierte und alles ein bisschen egal war. Ich weiß gar nicht so genau, warum ich das gemacht habe. Zuvor war ich ein Jahr beim Rolling Stone gewesen und wurde gefragt, ob ich nicht bei einer Plattenfirma arbeiten wolle. Warum nicht! Aber ich hatte dabei kein Ziel, ich fand einfach nur immer diese Welt so anziehend, die Musikwelt. 

Im Zuge des Erfolgs deines Debütromans »Soloalbum« bekamst du täglich Liebesbriefe, Nacktfotos und Telefonnummern. Wie fühlte sich das an?

Es spricht überhaupt nichts dagegen, Nacktfotos zu kriegen. Ich fand das toll. Ganz viele Leute hatten mein Buch gelesen und kamen zu meinen Lesungen – das war super. Und dann wird es ziemlich schnell ernst, wenn man weitermacht. Dann fängt es an, schwierig zu werden. Der naive Anfang passiert einem eher so. 

Was hat dich so anfällig für Drogen gemacht?

Das möchte ich gar nicht mit der Welt teilen, weil ich es unerheblich finde. Interessanter finde ich, was man mitbringt von der Reise. Am Beispiel Udos habe ich gesehen, du kannst sehr weit rausschwimmen, aber du musst zurückkommen. Denn sonst ist es sinnlos. Früh sterben ist eine romantische Idee, aber überleben ist auch gut. Wenn man erzählen möchte, muss man zurückkommen. Und dann auch wieder abhauen. Es geht darum, Erfahrungen zu machen und diese zu überwinden und Text werden zu lassen. 

Die Zeit der Drogenabhängigkeit liegt bei mir zehn Jahre zurück und beschäftigt mich nicht mehr gedanklich. Ich kann ganz kühl die Geschichte eines anderen aufschreiben, aber es ist auch noch nah genug, dass ich noch eine erinnernde und dem Erzählen dienliche Verbindung herstellen kann zu dieser Existenzform. 

In Los Angeles steigt Udo Lindenberg immer im Chateau Marmont am Sunset Boulevard ab. John Belushi starb dort an einer Überdosis und Britney Spears und Lindsay Lohan erhielten dort Hausverbot. Was hat dich bewogen, dein Buch in diesem legendären Hotel zu schreiben?

In Berlin habe ich mich schon so viele Jahre schreibend bewegt, dass ich nicht auf die Idee käme, zum Beispiel den Kurfürstendamm zu beschreiben. Der Sunset Boulevard ist mindestens genauso totgedichtet, aber ich habe es noch nicht gemacht. Deshalb war es für mich frisch. Man muss immer die Bedingungen ein bisschen verändern, damit man sich nicht selbst langweilt mit den Mitteln, die man irgendwann gefunden hat. Das Jahr in Los Angeles war für mich ein extrem glückliches, weil mir dieses Buch plötzlich widerfahren ist. Alles konnte darin einfließen: Erinnerung, Assoziationen, Reportageelemente, Konzertbesuche, Älterwerden, Helden, Fansein. Schade, dass es jetzt fertig ist. 

Ist das Unterwegssein mit Udo Lindenberg eigentlich immer so lustig, wie du es in deinem Buch beschreibst?

Ja, grundsätzlich. Es ist einfach am sichersten, in Udos Nähe zu sein, wenn man eine gute Zeit haben will. Von ihm kann man wahnsinnig viel lernen. Nämlich die Ernsthaftigkeitsangebote und Rollenerwartungen des Umfelds einfach als unverbindliche Vorschläge zu nehmen und zu sagen: »Sehr interessant, aber ich mache es anders. Ich mach‘ mein Ding«. Udo ist der freieste Mensch, dem ich je begegnet bin. Wenn man mit ihm unterwegs ist, hat man immer das Gefühl, ein bisschen angetrunken zu sein, ja dass er alle anderen ansteckt mit seiner Lockerheit, er zieht eine Schneise der Heiterkeit nach sich, egal wo man mit ihm ist, hinterher wirken alle immer ein bisschen angeschickert. Udos Angebot lautet: »Macht euch mal locker!« 

Im vollgedröhnten Zustand konntest du noch jeden Lindenberg-Text auswendig aufsagen, aber deine eigene Adresse nicht. War es kein Zufall, dass ausgerechnet Lindenberg dich rettete?

Ach, gerettet … Er hat mir wahnsinnig geholfen, und zwar, weil völlig klar war, dass Udo den Rausch als solchen und das Nebensichstehen moralisch nicht verurteilt. Das wäre ja lächerlich. Das Prinzip Rausch heißt er gut, dafür ist er ja bekannt. Und das machte ihn zu einem glaubwürdigen Gesprächspartner. Da kamen eher ganz praktische Tipps zum Überleben. Er hat ein wahnsinnig großes Herz und ein bisschen auf mich geguckt. Er hat selbst die Erfahrung gemacht, dass eine Sucht künstlerisch zu nichts führt. Der Rat, das mal jetzt zu beenden und zu gucken, was es sonst noch so gibt, war ein guter Ansatz. 

In deinem Buch wirkt Udo Lindenberg ganz anders, als man ihn aus den Medien kennt. Wer ist der Mensch hinter der Rolle?

Das Komische an Udo Lindenberg ist, dass er wirklich so ist wie Udo Lindenberg. Man kann im Hotel Atlantic in den Raucherraum gehen und irgendwann kommt er da rein. Und man denkt: Ist ja irre, der sieht aus und spricht wie Udo Lindenberg, der raucht Zigarre – und es ist tatsächlich Udo Lindenberg! Das ist bei anderen Legenden dieser Liga wie Grönemeyer oder Karl Lagerfeld unvorstellbar. Udo ist ein Volkssänger, eine Jahrhundertfigur, ein permanenter Aufstand gegen die Normalität, die Spießigkeit, Engstirnigkeit und Verbohrtheit. Jetzt wird er 70. Ich glaube nicht, dass er noch stirbt. 

Interview: Olaf Neumann

FotoJulia Zimmermann

21.04.2016Stratmanns, Essen






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